Von September 2025 bis März 2027 werden 30 Pflegeeinrichtungen der stationären Langzeitpflege in Baden-Württemberg dabei unterstützt, gesundheitsförderliche und gewaltpräventive Strukturen zu etablieren. Dabei greifen Gesundheit und Gewaltprävention ineinander: Es geht darum, die Betriebliche Gesundheitsförderung und Prävention in stationären Pflegeeinrichtungen ganzheitlich zu denken. Mitarbeitende sowie Bewohnende sollen vor entwürdigenden Übergriffen und Gewalt geschützt werden und ein gesundes Arbeits- bzw. Wohnumfeld haben.

Dem Projekt liegt eine weiter Gewaltbegriff zugrunde. Das bedeutet, dass er über die enge Definition von Gewalt als überwiegend körperliche Übergriffigkeit hinausgeht. Der erweiterte Gewaltbegriff umfasst somit auch psychische, finanzielle und sexualisierte Gewaltformen sowie Vernachlässigung gegenüber Bewohnender. Die folgende Frage aus der Projektbefragung thematisiert beispielsweise das Ignorieren von Bedürfnissen: „Bewohner Herr N. wird von seiner Tochter besucht und möchte deshalb noch nicht um 12 Uhr Mittagessen. Als die Tochter um 14 Uhr geht, bringt eine Mitarbeiterin ihm das kalte Mittagessen.“ Das kalte Mittagessen wird von der Mehrheit der Projektbefragten als Form von Gewalt eingestuft.

Während des Prozesses werden die Projekteinrichtungen vom AWO Bildungszentrum Tretenhof (https://awo-bildungszentrum-tretenhof.de/start.html), der Diakonie Baden (https://www.diakonie-baden.de/) und dem Diakonischen Institut für Soziale Berufe (https://diakonisches-institut.de/) begleitet. Durch den Einsatz von Praxisbegleitungen, die über Erfahrungen in den Bereichen Organisationsentwicklung und Pflege verfügen, wird eine praxisnahe und einrichtungsindividuelle Umsetzung des Vorhabens gewährleistet. Jede Projekteinrichtung verfügt über eine Gruppe an projektverantwortlicher Mitarbeitender (= Fokusgruppe), in die an einigen Standorten auch Bewohner*innen oder Angehörige punktuell eingebunden sind. Zu Beginn wird das Thema Gewalt in seinen verschiedenen Facetten diskutiert und der Zusammenhang mit der Gesundheit der Mitarbeitenden und Bewohnenden besprochen. Diese Sensibilisierung wird durch die Prozessbegleitung angestoßen, bevor anschließend der konkrete einrichtungsindividuelle Implementationsprozess beginnt. Aus dem projekteigenen „Methodenkoffer“ (Abbildung 1) werden Trainings ausgewählt, die beispielsweise zum Thema „Gewaltfreie Kommunikation“, „Umgang mit herausforderndem Verhalten“ oder auch „Achtsamkeitstrainig“ angeboten werden. Diese ergänzen das einrichtungsindividuelle Vorgehen, indem die Inhalte nach dem Training für die Strukturen der Einrichtung aufbereitet und im Alltag verankert werden. Dies erfolgt durch die einrichtungsinterne Gruppe gemeinsam mit der Prozessbegleitung.

Während des Projektverlaufs finden zudem einrichtungsübergreifende Treffen statt. 30 Einrichtungensind in drei Regionen unterteilt und treffen sich regionsweise bis zu dreimal während des gesamten Projektverlaufs. Dies bietet die Möglichkeit, Vernetzungsstrukturen zu schaffen, und steigert erfahrungsgemäß die Motivation, weiter am Thema zu arbeiten. Der Austausch gibt neue Impulse und ermutigt die Projekteinrichtungen.

Die Evaluationsbegleitung ist ein weiteres Element, des als Präventionsmaßnahme geförderten Projekts (Präventionsmaßnahmen für stationäre Pflegeeinrichtungen gemäß § 5 SGB XI konzeptionell verknüpft mit Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung nach § 20b SGB V). Mitarbeitende und Ehrenamtliche aller Projekteinrichtungen nehmen zu Beginn und Ende des Projektes an einer quantitativen Gesamtbefragung teil. Die Ergebnisse unterstützen den Implementationsprozess und die Verbreitung des Themas in der Pflegelandschaft Baden-Württembergs. Ein Fachbeirat begleitet das Projekt zusätzliche und platziert das Thema und die Ergebnisse auch auf der Ebene der Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sowie bei Trägern und Leistungserbringern.


Weitere Information finden Sie unter https://gesund-gewaltfrei.de/gps_bw

Projektkoordination:

Hannah Böhnert

AGP Sozialforschung | InCareFor gGmbH

Bugginger Str. 38 | D-79114 Freiburg

Telefon +49 761 887945-42

Mail: boehnert@agp-zze.incarefor.de


Gesund und Gewaltfrei – Präventionsstrategie Baden-Württemberg (GPS BW) umfasst zwei Teilprojekte

Das Teilprojekt GESUND GEWALTFREI – PRÄVENTION IN BADEN-WÜRTTEMBERG wird über die Stiftung für gesundheitliche Prävention Baden-Württemberg aus Mitteln der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung Baden-Württemberg gem. § 20b SGB V und § 5 SGB XI finanziert sowie fachlich von der Unfallkasse Baden-Württemberg und Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege unterstützt.

Das Teilprojekt GESUND + GEWALTFREI – Kultur- und Strukturentwicklung Baden-Württemberg wird finanziert durch das Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit aus Landesmitteln, die der Landtag von Baden-Württemberg beschlossen hat.